Wollen Sie das anatolische Kind kennenlernen, das keine Schule besucht hat? Ich erzähle es Ihnen gern.
Ich wurde am 20.10.1961 in Mittelanatolien, im Dorf Karpınar nahe der Stadt Kayseri, als Kind eines Bauern geboren. Während meiner Geburt wurden ruhige, arme, unterdrückte und ausgebeutete Menschen aus vielen Teilen Anatoliens gezwungen, als billige Arbeitskräfte in die industrialisierten Länder des Westens auszuwandern. Zu diesen Arbeitskräften gehörte 1969 auch meine Familie – und 1974 schließlich ich selbst. So kam ich in die westdeutsche Stadt Duisburg, wo meine Angehörigen in einem Betrieb im Innenhafen als Müllarbeiter tätig waren. Heute stehen dort, wo damals die Fabrik war, Wohnungen.
Dass ich überhaupt auswanderte, hatte mehrere Gründe. Vorab kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen, dass ich nicht hierherkam, um zu arbeiten. Ich wollte in Deutschland meine Schulbildung fortsetzen und später Mathematik studieren. Doch es sollte anders kommen. Meine Familie wusste kaum etwas über das deutsche Schulsystem und hatte nur ein Ziel: dass ich so schnell wie möglich arbeiten und Geld verdienen sollte.
In meiner Grundschulzeit in der Türkei war ich ein fleißiger Schüler, doch ich geriet in Konflikt mit meinem Lehrer und bekam meine ersten Prügel. Die Grundschule schloss ich deshalb nur mit mittelmäßigen Noten ab. Wäre es nach meinem Lehrer gegangen, hätte ich den Abschluss gar nicht erhalten, aber er schämte sich wohl, weshalb er es mir dann doch gab. Ich war ein Sturkopf, mischte mich überall ein und tat ständig merkwürdige Dinge – etwas, das meinem sehr konservativen Lehrer aus religiöser Familie missfiel.
Später besuchte ich die weiterführende Schule in der Kleinstadt Karaözü. Alles lief gut, bis ich eines Tages mit Freunden ins Kino ging – ohne zu wissen, dass Schülern der Kinobesuch verboten war. Als wir herauskamen, erwischte uns der Lehrer Ahmet, den wir „den Blinden“ nannten. Er nahm unsere Schulnummern auf, bestellte uns am nächsten Morgen auf den Schulhof und verprügelte uns. So lernte ich, was es bedeutete, ins Kino zu gehen. Bis dahin wusste ich überhaupt nicht, was ein Kino war.
Diese Prügel entfremdeten mich von der Schule. Dann erlebte ich als Kind die Hinrichtung von Deniz Gezmiş, der von der Türkischen Republik wegen angeblichen Anarchismus und Terrorismus gehängt wurde. Ich war damals nicht politisch, doch dieses Ereignis machte mir große Angst. Ich fürchtete, dass auch mir so etwas passieren könnte, und wollte in ein anderes Land fliehen. Deshalb schrieb ich meiner Familie in Deutschland, dass ich zu ihnen kommen und dort zur Schule gehen wolle. Sie respektierten meinen Wunsch – und holten mich zu sich.
In Duisburg-Walsum kam ich in eine Klasse, die speziell für Kinder anatolischer Familien gedacht war. Wäre ich doch bloß nicht dorthin gegangen! Diese Schule nahm mir meine letzten Hoffnungen. Der Unterricht war unbrauchbar, oberflächlich und brachte uns anatolischen Kindern kaum etwas bei – außer ein paar deutschen Wörtern. Die Lehrer, selbst anatolischer Herkunft, waren nicht ausreichend gebildet. Soweit ich es verstehen konnte, war das Ziel der Schule: uns innerhalb weniger Jahre minimale Sprachkenntnisse zu vermitteln, um uns dann als einfache Arbeiter, vor allem im Bergbau, einsetzen zu können. Und das ist ihnen gelungen.
Die Gesundheit meines Vaters verschlechterte sich durch die harte Arbeit so sehr, dass er in die Heimat zurückkehrte. So kam es, dass ich bereits mit 15 Jahren im Bergwerk Duisburg-Walsum arbeitete. Bis 1980 blieb ich dort. Meine Kindheit ließ ich im Bergwerk – und einiges von meiner Gesundheit.
1981 begann ich bei der Deutschen Bundesbahn, doch auch diese Zeit endete 1997 aus gesundheitlichen Gründen. Meine Jugend hatte ich dort gelassen.
1985 begann ich ohne jede künstlerische Ausbildung, in meiner Freizeit zu malen. Ich wollte mich der Bevölkerung zeigen, um Akzeptanz zu finden. Ich studierte die großen Künstler der Welt, betrachtete ihre Werke eingehend und lernte von ihnen – durch Kopien, durch Beobachtung, durch Hingabe. Meine heutige künstlerische Ausdrucksweise verdanke ich den alten Meistern.
1995 begegnete ich der Bildhauerei. In Ankara besuchte ich zufällig das Anatolische Zivilisationsmuseum. Die 10.000 Jahre alten Skulpturen, Keramiken und Reliefs beeindruckten mich zutiefst. Ich fragte mich, warum ich dieses Museum nicht früher entdeckt hatte. Mir wurde klar, dass es falsch war, Kunst zu machen, ohne die Vergangenheit meiner Heimat zu kennen. Wer die eigene Vergangenheit nicht kennt, kann sich der Welt nicht erklären.
Ich begann, zahlreiche Museen in Anatolien zu besuchen und Wissen zu sammeln. Das Anatolische Zivilisationsmuseum wurde zum Wendepunkt meines Lebens. Besonders die Muttergöttin Kybele, dargestellt in kleinen Tonskulpturen, ließ es in meinem Kopf „brodeln“. Ihre Symbolik veränderte meinen Lebensweg. Meine ersten Skulpturen entstanden 1997.
Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mich kennenzulernen.
Mit dem Wunsch nach einer schöneren, gleichberechtigten Welt.
Hektor aus Troja
